Was dein Portfolio beweist
Du kannst benennen, welche Fähigkeiten dein Portfolio belegt und welche es offenlässt, und weißt, welche Lücke du vor dem ersten Gespräch schließen musst.
Introduction
Wer ein Jahr lang ernsthaft mit Assistenten gebaut hat, hat am Ende Sachen vorzuzeigen, für die man vor einigen Jahren mehrere Jahre Berufserfahrung gebraucht hätte. Die Anwendung läuft, sie hat eine Adresse, Nutzer und eine Bezahlung, und sie fällt nachts nicht um.
Trotzdem scheitern Leute mit genau so einem Portfolio in der ersten technischen Runde. Der Grund ist selten eine Lüge im Lebenslauf. Das Portfolio belegt schlicht etwas anderes als das, was in dieser Runde geprüft wird.
Dieses Kapitel macht daraus zwei Listen. Die erste liest sich angenehm. Die zweite nicht, und deshalb steht sie ausführlicher da.
Was ein fertiges Projekt tatsächlich belegt
Du kannst ein System beschreiben, bevor es existiert. Das ist die unterschätzteste Fähigkeit auf dieser Liste, und sie ist genau die, die durch die Arbeit mit Assistenten trainiert wird.
Du kannst ein Ergebnis annehmen oder zurückweisen. Wer hundertmal Code bekommen hat, der plausibel aussah und trotzdem falsch war, hat ein Misstrauen entwickelt, das man niemandem in zwei Wochen beibringt.
Du kannst etwas betreiben. Ein Projekt, das seit zwölf Monaten läuft, hat dich mindestens einmal nachts geweckt.
Du kennst die rechtliche Seite. Impressum, Datenschutzerklärung, Einwilligung vor dem Zählen von Besuchern, Löschfristen, ein Vertrag zur Auftragsverarbeitung. Das können die wenigsten Absolventen, und in kleinen Firmen fragt danach niemand, bis es zu spät ist.
Du hast eine belegbare Geschichte.
Was es ausdrücklich offenlässt
Hier wird es unangenehm.
Du hast nicht bewiesen, dass du eine nicht triviale Funktion in eine leere Datei schreiben kannst, während jemand zusieht. Das ist die Lücke. Alles andere auf dieser Liste ist eine Folge davon. In deinem Projekt hast du angefangen, indem du beschrieben hast, was passieren soll. In der technischen Runde fängst du an, indem du tippst: leere Datei, keine Vervollständigung, eine Person daneben, die schweigt.
Du hast nicht bewiesen, dass die Sprache in deinem Kopf ist. Man merkt sehr schnell, ob jemand weiß, wie eine Schleife über ein Objekt aussieht, oder ob er es sonst nachschlägt. Nachschlagen ist im Beruf völlig in Ordnung. In einer Prüfungssituation, in der das Nachschlagen abgeschaltet ist, ist es das nicht.
Du hast nicht bewiesen, dass du fremden Code liest. In deinem Projekt hat dir jemand jede Stelle zusammengefasst, nach der du gefragt hast. Im Beruf sitzt du vor vierzigtausend Zeilen von jemandem, der die Firma vor drei Jahren verlassen hat.
Du hast nicht bewiesen, dass du die Entscheidungen selbst getroffen hast. Von außen sieht ein Projekt, dessen Aufbau du vorgegeben hast, genauso aus wie eines, dessen Aufbau dir vorgeschlagen wurde und das du abgenickt hast. Der Unterschied fällt in dem Moment auf, in dem jemand fragt, warum die Daten hier so und nicht anders liegen.
Warum die zweite Liste zuerst geprüft wird
Aus Sicht der Firma ist das vernünftig. Die Fähigkeiten aus der ersten Liste lassen sich in den ersten Monaten beobachten. Die aus der zweiten Liste kosten Geld, wenn sie fehlen, und sie fallen erst nach der Probezeit auf.
Dazu kommt ein zweiter Grund: Auswahlverfahren ändern sich langsamer als die Arbeit. Viele Runden prüfen bis heute Fähigkeiten, die im Alltag eine kleinere Rolle spielen als früher. Sie sind trotzdem die Tür.
Was du mit dem Befund machst
Nichts davon heißt, dass du falsch gelernt hast. Es heißt, dass du eine umrissene Lücke hast, und die schließt man schneller als eine diffuse Unsicherheit.
Der Weg dahin steht in den nächsten fünf Kapiteln. Er besteht nicht aus mehr Projekten. Er besteht aus einer anderen Art zu üben: ohne Assistent, unter Zeit, laut sprechend.
Die ehrliche Bestandsaufnahme
Du misst einmal nach, statt zu schätzen.
- Öffne dein größtes eigenes Projekt und suche eine Funktion, die etwas Nichttriviales tut: eine Eingabe prüfen, eine Liste umbauen, ein Datum berechnen.
- Lies sie einmal, schließe die Datei und lege sie beiseite.
- Öffne eine leere Datei. Vervollständigung aus, Assistent geschlossen.
- Wecker auf zwanzig Minuten, dann schreibe die Funktion neu, samt zweier Aufrufe zum Prüfen.
- Notiere ehrlich: fertig geworden? Wo gestockt? Was hättest du nachschlagen wollen?
- Die drei Dinge, die dir gefehlt haben, sind ab jetzt dein Übungsplan. Er ist kürzer, als du befürchtet hast.
Done when
- Du hast eine Funktion ohne Hilfsmittel neu geschrieben und selbst geprüft.
- Du kannst drei konkrete Punkte nennen, an denen du gestockt hast.
- Du kannst in einem Satz sagen, was dein Portfolio belegt und was nicht.
Has it stuck?
7 cards from this lesson, 6 questions in the exam pool.